ESRS-Reform: Weniger Datenpunkte, mehr strategischer Anspruch

Die Europäische Kommission hat einen Entwurf zur Überarbeitung der European Sustainability Reporting Standards (ESRS) vorgelegt – und weicht dabei in mehreren Punkten von den ursprünglichen Empfehlungen des Beratergremiums EFRAG ab. Mit einer Reduktion der Pflicht-Datenpunkte um über 60 Prozent reagiert die EU auf die massive Kritik am Verwaltungsaufwand der CSRD-Umsetzung. Für Nachhaltigkeits- und Compliance-Verantwortliche stellt sich jetzt die zentrale Frage: Was bedeutet die Reform konkret für ESG-Strategie und Berichtsprozesse ab 2027?

Was bleibt, was sich ändert

Das Prinzip der doppelten Wesentlichkeit bleibt unangetastet. Unternehmen berichten weiterhin sowohl über die Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit auf Umwelt und Gesellschaft als auch über finanzielle Risiken durch Nachhaltigkeitsthemen. Gleichzeitig werden die Berichtspflichten deutlich gestrafft: weniger verpflichtende Datenpunkte, mehr Spielraum für unternehmensspezifische Schwerpunkte, gezielte Erleichterungen für mittelständische Unternehmen. Die Kommission geht dabei pragmatischer vor als EFRAG ursprünglich vorgeschlagen hatte – was den Implementierungsaufwand senken kann, aber eine sorgfältige Überprüfung bereits laufender Vorbereitungen erfordert.

Warum weniger Pflicht nicht weniger Anspruch bedeutet

Die Finanzbranche sieht die Reform kritisch. Günther Thallinger, Vorstand der Allianz, argumentiert, dass zu viele Unternehmen von umfassenden Berichtspflichten entbunden werden. Diese Einschätzung hat Gewicht: Investoren, Ratingagenturen und Versicherer benötigen detaillierte ESG-Daten für Risikobewertungen und Investitionsentscheidungen – unabhängig davon, was der Gesetzgeber mindestens verlangt. Für Unternehmen entsteht damit eine strategische Herausforderung: Wer nur das regulatorische Minimum bedient, riskiert, die Erwartungen der Kapitalmärkte zu verfehlen. Die Reform könnte so zu einer zweispurigen Berichtspraxis führen – einer regulatorischen Mindestberichterstattung und einer erweiterten, marktgetriebenen Offenlegung.

Konkrete Auswirkungen auf laufende Projekte und Lieferketten

Unternehmen, die bereits Ressourcen in die CSRD-Vorbereitung investiert haben, sollten drei Bereiche prüfen. Erstens: Wenn ESG-Softwarelösungen bereits auf Basis der ursprünglichen ESRS-Version konfiguriert wurden, können Anpassungen der Datenfelder notwendig werden. Zweitens: Bereits durchgeführte Wesentlichkeitsanalysen sollten auf Basis der modifizierten Anforderungen nachgeschärft werden – insbesondere bei Themen, die knapp als wesentlich oder nicht wesentlich eingestuft wurden. Drittens: Die reduzierten Vorgaben zu Lieferketteninformationen entlasten vor allem mittelständische Zulieferer, erfordern aber eine angepasste Kommunikation mit Geschäftspartnern über geänderte Datenanforderungen.

Was Nachhaltigkeitsverantwortliche jetzt tun sollten

Die ESRS-Reform bietet eine Atempause, sollte aber nicht als Gelegenheit missverstanden werden, die Nachhaltigkeitsstrategie zurückzufahren. Nachhaltigkeits- und Compliance-Verantwortliche sollten jetzt folgende Schritte prüfen:

  • Wesentlichkeitsanalyse aktualisieren: Nutzen Sie die Zeit bis 2027, um Ihre doppelte Wesentlichkeitsanalyse zu verfeinern und sich auf die wirklich relevanten Nachhaltigkeitsthemen zu konzentrieren
  • Stakeholder-Erwartungen abgleichen: Prüfen Sie, welche Informationen Investoren, Kunden und Geschäftspartner über die Mindestanforderungen hinaus erwarten
  • Dateninfrastruktur strategisch ausrichten: Investieren Sie in ESG-Datenmanagement-Systeme, die sowohl Pflichtberichte als auch erweiterte Offenlegungen effizient unterstützen
  • Lieferkettenkommunikation anpassen: Informieren Sie Ihre Zulieferer über reduzierte Datenanforderungen, aber behalten Sie kritische Nachhaltigkeitsrisiken im Blick


Die ESRS-Reform ist kein Grund zur Entwarnung, sondern eine Chance zur Professionalisierung. Unternehmen, die jetzt ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung strategisch auf die wirklich wesentlichen Themen fokussieren und gleichzeitig die Erwartungen ihrer Stakeholder im Blick behalten, werden langfristig im Wettbewerb um nachhaltiges Kapital und Geschäftsbeziehungen besser positioniert sein.

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